Impressum - Zur Website der St. Nikolai-Kirche
Aus dem Flensburger Tageblatt vom 13. Dezember 2011:

Ergreifend und stimmig:
Weihnachtsoratorium in St. Nikolai

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Draußen vor der Nikolaikirche überlagert Punschbuden-Seligkeit das Gedränge der Weihnachtsvorbereitungen an diesem 3. Adventssonntag.

Drinnen herrscht trotz dicht besetzter Kirchen-Bänke atemlos-konzentrierte Stille – alle Augen sind auf KMD Michael Mages gerichtet. Er hebt den Taktstock – die Pauken donnern, hell erstrahlen die Trompeten, „Jauchzet, frohlocket“, stimmt jubilierend der Chor ein. Schon ist sie da, die besondere Weihnachtsstimmung, die seit 1734 immer dann greifbar wird, sobald Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ aufgeführt wird.

 

Es ist keine falsche Idylle, die in der „Sinfonia“ am Beginn des zweiten Teils vom Ensemble Ars Musica wunderbar knapp und trocken, feierlich getragen, aber ohne Sentimentalität musiziert wird.

Keine übertriebene Rührseligkeit liegt in den Arien, von Manuela Mach mit warm timbriertem Alt und dem strahlend-hellen Sopran von Marret Winger unprätentiös vorgetragen. Heldenhaft besingt John Lofthouse (Bass) den „großen Herrn und starken König“, während Evangelist Nicolas Smith (Tenor) die Weihnachtsgeschichte überzeugend rezitiert.

 

Der hochmotivierte Chor versteht es, als Identifikation der Gemeinde oder als Verkörperung der „himmlischen Heerscharen“ konzentriert in Jubel und Innigkeit genau jene komplexen musikalischen Strukturen nachzuzeichnen, die dieses Weihnachtsoratorium so unvergesslich machen.

 

Frisch und beinahe durchsichtig, in zügigen Tempi präsentieren Michael Mages und seine irdischen Mitstreiter das dramatisch-anrührende Ereignis um Christi Geburt, das der große Thomaskantor einst so unwiderstehlich komponiert hat. Die Menschen im Kirchenschiff scheinen einbezogen in das Geschehen, kaum jemand, der nicht in Gedanken mitsingt, mit dem Fuß wippt oder im mitgebrachten Klavierauszug der Musik folgt.

 

Bachs Weihnachtsoratorium: jenseits aller musikalischer Routine – ein stets ergreifendes, in Musik umgesetztes Miterleben rund um das Wunder der Weihnacht – alle Jahre wieder.

(Ursula Raddatz)

 


 

Aus dem Flensburger Tageblatt vom 15. November 2011:

 

Nach „Wackler“ in himmlische Höhen gesteigert

Als „größtes musikalisches Kunstwerk aller Zeiten und Völker“ bezeichnete im Jahre 1819 der Verleger Nägeli den Erstdruck der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Der großen Schwierigkeiten des Werkes wegen kam es erst 1834/35 zu Teilaufführungen.

 

In der vollbesetzten St. Nikolai-Kirche zu Flensburg schien der große „Sankt Nikolai Chor“ unter der kompetenten Leitung von KMD Michael Mages am Sonntag Abend gehörige Achtung vor diesem Unikat zu haben.


Nach einem kleinen „Wackler“ zu Beginn des „Kyrie“ fanden die Sänger aber sehr schnell zu einer homogenen, präzisen Form, die sich im Laufe des Abends noch steigerte. Die kräftigen Männerstimmen und die „himmlischen Höhen“ des Soprans auf der klaren Grundlage des Alt bewältigten beinahe mühelos die verzwickten Fugato-Einsätze.


Auch wenn der Attaca-Übergang vom „Crucifixus“ zum „Et resurrexit“ ein wenig verschenkt wurde, so gelang wunderschön der sanft-getragene Adagio-Teil des „Confiteor“ mit anschließendem Vivace e allegro in doppeltem Tempo – bis zum Fortissimo gesteigert.

 

Die Tempo- und Farbschattierungen von kontemplativem Ernst über feierliche Engels-Chöre bis hin zum überbordenden Auferstehungs-Jubel: Der Chor, das tragende Element in dieser Messe, zeigte durchweg eine beeindruckende Leistung.

 

Anders als im ebenso beliebten Weihnachts-Oratorium war der Einsatz des Solisten-Quartetts eher begrenzt. Keine großen Arien kamen zu Gehör, sondern ungewöhnliche Duette, oft in Kombination mit Instrumental-Solisten; so das warme Bass-Solo von Felix Rathgeber, umrahmt vom hell-fordenden Klang des Corno da caccia mit Jan-Christoph Semmler oder Martin Hundelt im Tenor-Solo mit der gegenläufigen Solo-Querflöte von Christiane Schmidbauer. Brillant Matthias Sitzwohls feines, flottes Violin-Solo, ebenso die beiden Oboen d’amore, zauberisch-schmeichelnd geführt von Enrico Raphaelis und Birgit Graetz.
Solo-Sopranistin Martina Schilling, kurzfristig eingesprungen für Antje Bitterlich, überzeugte durch eine engelsgleiche, kristall-klare Stimme.

 

Den berührendsten Part hatte ohne Zweifel Altistin Manuela Mach mit dem ergreifenden „Agnus Dei-Solo“. Die nötige Grundlage für dieses komplexe Vorzeigestück bot das spielfreudige Ensemble „Ars Musica“, und Michael Mages hielt dabei hochmotiviert die Zügel straff in seinen bewährten Händen.


(Ursula Raddatz)

 


 

Aus dem Flensburger Tageblatt vom 5. Juni 2011

 

Vom Barock zur Klassik: Bach und Mozart in St. Nikolai

Die Kombination kirchenmusikalischer Werke von Bach und Mozart entbehrt nicht eines gewissen Reizes, lässt sich doch gerade im direkten Vergleich die gewaltige Entwicklung der Musik vom Barock zur Klassik im 18. Jahrhundert unmittelbar nachvollziehen.

 

Michael Mages, sein St.-Nikolai-Chor, das bewährte Ensemble Ars Musica nebst vier Vokalsolisten stellten sich der Herausforderung in der bestens besuchten St.-Nikolaikirche, wobei Altmeister Bach den überzeugenderen Eindruck hinterließ.

 

Das mag einerseits daran gelegen haben, dass das unvollendet gebliebene Mozart-Requiem mit den bekannten Süßmeyer-Ergänzungen ohnehin zum Ende hin etliche weniger kongeniale Teile aufweist, die die kompositorische Ungleichwertigkeit des Werkes evident erscheinen lassen.

 

Zum anderen setzten Mages und seine klangmächtigen Ensembles zunehmend auf dramatische Attacke, forcierten Tempi wie Dynamik, sodass das finale „lux perpetua luceat eis“ als grimmiges Eingeständnis menschlicher Hilflosigkeit vor der Macht des Todes daherkam.


Aus dem permanent geforderten Vokalquartett (Manuela Mach, Alt; Martin Hundelt, Tenor und Julian Redlin, Bass) ragte der stets sauber fokussierte, aufblühende Sopran Marret Wingers heraus, der für Mozart wie Bach reiche Farben und detaillierte Abstufungen bereit hielt.


Bachs groß angelegte Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ glänzt mit einem ausgesprochen repräsentativen Charakter und weiß Effekte und Formen des Opernmetiers geschickt zu nutzen. Das anrührende Lamento der Solooboe (sehr edel: Birgit Graetz) in der einleitenden Sinfonia, der Motto-hafte Einsatz des Chores, die vertrackten Fugati nebst spannungsvollen Akkord-Interjektionen: All dies ließ bei moderaten Tempi und durchhörbarem Satzgefüge die erregte Spannung dieser musiktheatralischen Bibelauslegung spürbar werden.

 

Das originelle Gespräch der „verzagten Seele mit dem tröstenden Christus“ (Sopran und Bass) hatte viel von einem recht diesseitigen Dialog mit gelindem Wortwitz dialektischer Manier. Zum optimistischen Beschluss triumphales Pauken- und Trompetengeschmetter zur Ehre Gottes – hinweg also mit jedweder Bekümmernis!


(Detlef Bielefeld)