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Samstag, 9. Oktober 2010 ...

 

... kurz vor halb acht: 40 Sänger des St. Nikolai Chores finden sich aus allen Teilen der Stadt und des Umlandes auf der Exe ein. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel und vor uns liegt nach 3 Jahren die nächste Konzertreise in eine vielen noch unbekannte Stadt: Riga.

Viele wissen von der Schönheit der lettischen Hauptstadt, von ihrer vielfältigen Kultur und insbesondere der Liebe zum Singen, die die Bewohner aller baltischen Länder prägt.

Die Entscheidung, nach Riga zu fahren, zeugt von unserer guten Selbsteinschätzung. Tradition und Erfahrung unseres Chores erlauben es uns, sich dem Anspruch zu stellen, der in Riga auf uns wartet.

Wir finden Unterstützer unserer Idee, das Mozart-Requiem und die „Messe in D“ von Antonin Dvorak aufzuführen: Mit Hilfe des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts und des Ministeriums für Bildung und Kultur in Kiel wird diese Reise auch finanziell möglich.

Über das Goethe-Institut ist der Kontakt zu einem studentischen Orchester schnell hergestellt: Als musikalischen Partner gewinnen wir das „Gaudeamus Orchestra“ der Pädagogischen Hochschule und hervorragende lettische Gesangsolisten. Unserer Reise steht damit nichts mehr im Wege.

Über Kopenhagen reisen wir ins schwedische Jönköping und übernachten in der „Streichholzstadt“ am Vättern-See.

 

Sonntag, 10. Oktober 2010 ...

 

Auch der nächste Morgen beschert uns Sonne und mit blauem Himmel und voller Vorfreude geht es weiter Richtung Stockholm. Wir haben dort ein paar Stunden Zeit für einen Stadtspaziergang, bevor wir uns Richtung Tallinn einschiffen.

Denn wir haben Glück im Unglück: der Ausfall der Direktfähre nach Riga verschafft uns die Möglichkeit, auch die estländische Hauptstadt am finnischen Meerbusen kennenzulernen.

Auf der Fährfahrt nach Tallinn beweisen wir unserem Chorleiter Michael Mages, dass wir nicht nur die großen Werke der Kirchenmusik beherrschen, sondern auch die bunte Palette der Popmusik. Wir interpretieren beim abendlichen Bord-Karaoke mit großem Spass Stücke von Abba, Beatles und Louis Armstrong. Während sich Gäste, Steward und Barfrau dazu im Tanze wiegen, schippern wir langsam in unser viertes Reiseland hinüber: Estland.

 

Montag, 11. Oktober 2010 ...

 

Wir erleben den Sonnenaufgang über dem Baltischen Meer und erreichen kurze Zeit später die Stadt des estnischen „Sängeraufstandes“ von 1990. Dort kam es mit einem Chor von 18.000 Sängern zu einer mächtigen Demonstration des estnischen Strebens nach Selbständigkeit und Loslösung von der Sowjetunion, was im Sommer darauf ja auch gelang.

Unsere vergleichsweise kleine Gruppe genießt die wunderschöne Stadt, bevor es gegen Mittag weitergeht nach Lettland, dass fünfte Land, das wir auf unserer Reise erreichen.

Die Einfahrt in die alte Hansestadt Riga verunsichert etwas: zerfallene Häuser, Plattenbau, breite Straßen mit Schlaglöchern und Unkraut. Der erste abendliche Spaziergang korrigiert dieses Bild, als wir die berühmten Jugendstilbauten und die gut erhaltene Innenstadt entdecken.

In der Nacht kommen unsere „Flieger“ ebenfalls an und am Dienstagmorgen sind wir mit 61 Chormitgliedern komplett für unsere Auftritte in Riga.

 

Dienstag, 12. Oktober 2010 ...

 

Vor unserer ersten Probe folgen wir dem deutschen Stadtführer Maik Habermann auf einer dreistündigen Tour und hören von der deutschen, schwedischen und russischen Vergangenheit Rigas, von den Eigenschaften der Letten und dass die aktuelle Wirtschaftskrise auch ihre positiven Seiten hat, weil sie hässliche Bauprojekte stoppt.

Die Tour führt uns auch in den Dom zu Riga, dessen baulicher Zustand davon zeugt, wie sehr in der Sowjetzeit Kirchen vernachlässigt wurden. Seine Bausubstanz ist stellenweise in schlechtem Zustand und die berühmte Walcker-Orgel von 1883 befindet sich schon seit Jahren in der Restaurierung. Der Pfeifenprospekt ist ausgebaut und man schaut in die „Eingeweide“ dieses großartigen Instrumentes.

Am Nachmittag treffen wir uns in der schönen spätgotischen Johanniskirche mit der Organistin Ilze Reine, die zu den renommierten Organistinnen des Landes gehört und uns am nächsten Tag zur Dvorak-Messe im Dom begleiten wird.

 

Am Ende dieser Probe schaut auch Guntar Bernats erstmals vorbei, der Dirigent des „Gaudeamus Orchestra“ und nimmt Michael Mages im Anschluss gleich mit zur Orchesterprobe des Mozart-Requiems in die Pädagogische Hochschule im Süden der Stadt.

Dorthin folgen wir ihm ein paar Stunden später und proben intensiv mit dem Kammerorchester. Es besteht aus hochmotivierten jungen Studenten und Absolventen der  Pädagogischen Hochschule Riga, Lettlands größter und einziger Einrichtung zur Ausbildung von Musiklehrern. Einige der Musiker sind auch Mitglieder des Orchesters der Lettischen Nationaloper, wo auch unsere vier wundervollen Solisten regelmäßig auf der Bühne stehen.

 

Mittwoch, 13. Oktober 2010 ...

 

Am Mittwochmorgen trotzen wir bei einem Ausflug dem stürmisch-kaltem Wetter in Jurmala, dem berühmten Bade- und Kurort mit 30 Kilometer langem Sandstrand, schwefelhaltigen Heilquellen und vielen sehenswerten Jugendstil-Villen in Holzbauweise aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Am späten Nachmittag treffen wir uns dann im Dom, der Hauptkirche Lettlands, zur letzten Probe vor unserem ersten Konzert und freuen uns auf ein ganz besonderes Erlebnis. Denn die Walcker-Orgel gehört zu den wenigen original erhaltenen deutsch-romantischen Großorgeln und es ist ein Glücksfall, dass dieses Instrument bis heute unverändert erhalten geblieben ist. Sie ist weltberühmt für ihren Klang, der vom leisesten Pianissimo bis zum großen kathedralen Forte reicht und mit seiner Farbigkeit die Hörer verzaubert.

Auch unser Flensburger Freund Jan Brink besucht unser Konzert. Er ist Vorstandsmitglied der SIA Bauplan Nord in Riga und hat uns in seiner ehrenamtlichen Funktion als „Flensburg Botschafter“ bei unseren Vorbereitungen für diese Reise tatkräftig unter die Arme gegriffen.

Wir erklimmen die 15 m hohe Orgelempore (3x so hoch wie die von St. Nikolai in Flensburg!) und richten uns dort ein. Erst wenige Minuten vor Einlass der Zuhörer wird das Licht im Kirchenraum entzündet und punkt sieben erklingt eine kleine Glocke, die den Beginn bedeutet. Es wird eine mustergültige Aufführung der „Messe in D“ von Antonin Dvorak. Außerdem singen wir zwei a cappella Motetten von Josef Gabriel Rheinberger und Ilze Reine spielt Werke von Johann Sebastian Bach und Max Reger.

Kaum ist der letzte Ton verklungen, spenden uns die Zuhörer in der für Rigaer Verhältnisse gut besetzten Kirche begeisterten Applaus. Als Zugabe singen wir „Der Mond ist aufgegangen“ in einer Bearbeitung des in diesem Sommer verstorbenen Flensburger Komponisten Hans-Joachim Marx, und werden wieder mit langem Applaus dafür belohnt.

Wir sind glücklich über dieses erste gelungene Konzert in einem Land voller anspruchsvoller Zuhörer. Wir feiern den Abend mit lettischen Spezialitäten und vielen Varianten rund um den berühmten, bitteren lettischen Schnaps „Riga Balzams“.

 

Donnerstag, 14. Oktober 2010 ...

 

Der Donnerstagvormittag gibt uns die Gelegenheit, die Stadt weiter zu entdecken: die Markthallen mit ihrem unerschöpflichen Angebot, die St. Petri-Kirche mit ihrem hohen Turm und bester Aussicht, das Schwarzhäupterhaus, das eindrucksvoll beweist, wie wertvoll es für eine Stadt sein kann, zerstörte historische Gebäude originalgetreu wieder aufzubauen, das Freiheitsdenkmal ... aber auch die fantastischen Kuchenspezialitäten, die Rigas Konditoreien zu bieten haben!

Am Abend treffen wir uns in der Riga Latvian Society Hall von 1868. Im „Goldenen Saal“ mit seinen wunderschönen Deckenmalereien, einem großen Kristallspiegel und einer excellenten Akustik findet die 2. Probe des Mozart-Requiems mit Orchester und Solisten statt.

Der Kontakt zum musikalischen Direktor Guntar Bernats, der Orchester-Managerin Aurika Gulbe, den Solisten und den Musikern wird immer besser und freundschaftlicher. Die anfangs starke Zurückhaltung und Introvertiertheit unserer lettischen Partner wandelt sich spürbar in Vertrauen. Der Chor und insbesondere unser Leiter Michael Mages scheinen sie mit künstlerischer Qualität im Zusammenspiel zu überzeugen und voller Vorfreude auf den nächsten Abend trennen wir uns voneinander.

 

Freitag, 15. Oktober 2010 ...

 

Am Freitagmorgen steht eine weitere Führung durch die Stadt ganz im Zeichen des Jugendstils. Über 800 zum Teil sehr gut erhaltene Gebäude aus dieser Zeit nennt Riga ihr eigen und ist damit ein einziges Baudenkmal und sicher mit Recht eine der interessantesten Städte Europas.

Am Abend finden wir uns zur letzten Probe in der Riga Latvian Society Hall ein. Hier lernen wir von Frau Gulbe, warum die „Pressearbeit“ in Riga so ganz anders funktioniert als bei uns: die Tageszeitungen in Lettland sind ausschließlich Organe der Politik, nicht der Kultur und das Medium Internet und e-Mail dafür für alle umso bedeutender.
Und das dieses Mittel funktioniert, erfahren wir schnell: kurz vor Beginn werden noch zusätzliche Stühle aus allen Winkeln des herrlichen Gebäudes geholt, um auch dem letzten Zuhörer noch einen Platz zu geben.

Wir genießen die festliche Atmosphäre dieses Hauses, schließlich sind wir fast ausschließlich Kirchenräume als Konzertstätten gewohnt ...
Das Publikum ist sehr gemischt, jung und alt sitzen beieinander und wir werden schon mit Applaus beim Aufmarsch begrüßt. Entsprechend beschwingt beginnt das Konzert, das ein großer Erfolg wird.

Wir singen die Bach-Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ und die Choralkantate „Verleih uns Frieden“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Auch das Mozart-Requiem gelingt hervorragend. Chor, Orchester und Solisten sind eine Einheit und man hat nicht den Eindruck, dass wir einander erst seit ein paar Tagen kennen.

Auch hier singen wir den Marxschen „Mond“ als Zugabe – und danach brechen die Dämme. Guntar Bernats und Michael Mages danken einander für die gute Zusammenarbeit – mit Worten und Präsenten. Wir bedanken uns auch bei Frau Balode von Goethe-Institut, die unter den Zuhörern ist und dem Publikum auf lettisch von der Rumstadt Flensburg erzählt.

Auch diesen Abend feiern wir in unserem „Stammlokal“ gegenüber dem Dom – Mitglieder des Orchesters, Dirigent und Managerin sind mit dabei und mit dem gegenseitigen Versprechen, trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage in Lettland einen musikalischen Gegenbesuch in Flensburg zu versuchen, gehen wir an diesem Abend auseinander.

 

Samstag, 16. Oktober 2010 ...

 

Nach einer kurzen Nacht steht am Samstag der Besuch des Nationalparks Gauja auf dem Programm, der mit knapp 1.000 qm der größte in Lettland ist. Das Wetter spielt an diesem Tag verrückt: es fällt der erste Schnee und für ein paar Stunden sind Stadt und Land unter einer weißen Decke versteckt, bevor es unerbittlich wieder taut ... Am Abend aber dürfen wir uns zur Belohnung kulturell entspannen. Wir besuchen die prächtige Lettische Nationaloper, die als „Deutsches Theater“ in den 1860er Jahren gebaut wurde und hören und sehen mit „Carmen“ eine der farbigen Inszenierungen, mit denen sich das Opernensemble einen hervorragenden internationalen Ruf erarbeitet hat.

Im Anschluss daran treffen wir uns ein letztes Mal an der Hotelbar zum Abschieds-Nightcup, bevor wir Koffer packen.

 

Sonntag, 17. Oktober 2010 ...

 

Der Sonntagmorgen hält schließlich noch ein besonderes Erlebnis für uns bereit.
Gemeinsam mit Ilze Reine gestalten wir auf der Orgelempore den musikalischen Rahmen des Gottesdienstes in der Johanniskirche – und sind beeindruckt von dessen Ablauf.
Die Kirche ist gut besucht und die Gemeinde altersmäßig bunt gemischt: ältere Menschen, Erwachsene und zahlreiche Kinder singen aus vollem Herzen mit, beten innig, z.T. auf Knien und empfangen das Abendmahl. Die Kinder laufen fröhlich durch die Kirche und werden zur Sonntags-Schule abgeholt. Die Menschen bleiben nach dem Gottesdienst noch in der Kirche und sprechen miteinander, bevor sie nach Hause gehen. Zwei Stunden später erleben wir das gleiche auch noch mal im Dom, dessen Gottesdienst einige von uns gleich im Anschluss ebenfalls besuchen, um auch die Orgel und den Domchor noch einmal zu hören.

Eine intensive Atmosphäre, die wir uns in unseren deutschen evangelischen Gottesdiensten auch wünschen würden ...

Am Sonntagnachmittag treffen wir uns schließlich an der Fähre nach Stockholm. Der Himmel ist zum Abschied wieder blau und schenkt uns zum Auslaufen goldenes Herbstlicht und einen Regenbogen über dem wunderschönen Panorama der Stadt.

Noch ganz unter dem Eindruck eines wundervollen musikalischen Erlebnisses in diesem traditionsreichen „Land der Sänger“ und mit dem Gefühl, die Freundschaft zu unseren lettischen Partnern und auch innerhalb unseres Chores ganz neu geschaffen und vertieft zu haben, machen wir uns auf den langen Weg nach Hause, an dessen Ende am späten Montagabend insgesamt nicht weniger als 2.500 Bus- und rund 600 Fährkilometer hinter uns liegen ...